Texte zum Konflikt in der Ukraine

Stand:
18. April 2022

 

 

 

Der Ukrainekrieg ist nun schon eine ganze Zeit im Gange.

Wir sind Zuschauer einer zerstörerischen Realität, die Menschen, Gebäude, unsere Erde und das Gefüge der Länder zertrümmert. Sehr viele Menschen sterben oder leiden an Leib und Seele.

Wir wollen versuchen, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Wir wollen unterstützen und engagieren uns für das Wohl der Flüchtlinge.

Wir hören, dass Unterstützung auch heißt, Ukraine mit Waffen zu beliefern. Das löst bei mir einen Schwall von Gedanken und Gefühlen aus. Selbstverständlich hat jedes Land das Menschenrecht auf Selbstverteidigung. Ich möchte das Land nicht ihrem Feind ausliefern. Doch je mehr Waffen – je mehr Zerstörung und je länger geht die Zerstörung.

In meine Sprachlosigkeit habe ich Texte gefunden, Interviews und Initiativen gesehen, die mir beim Sortieren der Gedanken helfen. – Ich habe einige von ihnen auf unserer Gemeinde Webseite für alle zugänglich gemacht.

Übersicht

Sich, seine Familie, sein Land zu verteidigen ist ein Menschenrecht. Ein Beitrag von Wilhelm Unger

Die Macht gewaltlosen Widerstands (von Benjamin Isaak-Krauss). Der komplette Beitrag ist hier zu finden

Optionen des Pazifismus in kriegerischen Zeiten. Auszüge aus einem Interview mit Olaf Müller – Das ganze Interview gibt es hier

Der unterschätzte Widerstand – Gewaltfreie Aktionen in der Ukraine (Link zu dem sehr guten und ausführlichen Beitrag)

„Für uns zählt auch die Feindesliebe“ Die Mennoniten, der Ukraine-Krieg und die Friedensethik. Interview mit Fernando Ens in chrismon

Erklärung der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland vom 12. März 2022

Brief des Präsidenten der Mennonitischen Weltkonferenz an Seine Heiligkeit Patriarch Kirill von Moskau und Rus

Eine Stimme aus den Friedenskirchen, die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, AMG

Es ginge auch anders:
Nutzen wir die Expertise der Friedensforschung!

 

Sich, seine Familie, sein Land zu verteidigen ist ein Menschenrecht. – Beitrag von Wilhelm Unger

Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang einen wichtigen Satz formuliert:
»Ich verstehe die Regierenden, die Waffen kaufen. Ich rechtfertige sie nicht, aber ich verstehe sie. Denn wir müssen uns verteidigen« (Quelle).

Wir hören: T.I.N.A. = There Is No Alternative

Und leiden mit an dem hohen Preis von anhaltender Zerstörung von Gebäuden und Menschenleben.

Doch wir alle sind aufgefordert dem T.I.N.A. ein T.A.T.A entgegen zu rufen: There Are Thousand Alternatives.
Denn der Preis des Krieges ist sehr hoch. Und keiner der Streitführer erreicht sein höchstes Ziel.
Putin will erreichen, dass die Ukraine sich nicht dem Westen anschließt. Doch nicht nur die Ukraine, sondern viele weitere Länder suchen nun erstrecht Anschluss in der Nato.
Selenskyj will erreichen, dass seine Heimat nicht zerstört wird – und muss miterleben wie Städte und Dörfer zerstört werden, wie immer mehr Menschen flüchten müssen, wie die Seele der Ukraine einer unzumutbaren Belastung ausgesetzt wird.

Was das Wort Jesu bedeutet „Wer das Schwert in die Hand nimmt, wird darin umkommen“ wird uns wieder einmal vor Augen geführt.
Je länger das Bomben andauert – je mehr Hass und Radikalität wird produziert. Aus dem Krieg Putins wird der Krieg der Russen. Aus ukrainischen Familienvätern werden Soldaten, mit all den schlimmen Situationen, die dazugehören. Aus einer differenzierten Sichtweise bleiben nur noch die zwei Schubladen übrig: Freunde oder Feinde.

Was sind die „Thousand Alternatives“? Selbstverständlich gibt es hier keine einfachen oder billige Antworten. Doch das viele Geld – könnte es besser investiert werden?
Menschen zu Tötungen bringen – könnten Menschen mit dem Mute von Soldaten anders handeln?

Ich denke an die Macht der Mütter und Ehefrauen, die es leid sind ihre Väter und Söhne für den Krieg zu opfern. In Kaduna und an weiteren Brandherden haben sie Frieden zwischen Christen und Muslimen – zwischen Volksgruppen und Völkern erstritten. Die Mütter in Russland brauchen mehr Unterstützung, um mit den Müttern der Ukraine gemeinsam und auf intelligente Weise aufzustehen.

Der Papst muss viel Protest erleiden, weil er zu seiner Karfreitagsprozession das Kreuz von zwei Frauen tragen ließ, die Freundinnen sind, eine Ukrainerin, eine Russin. Wir sollten solche Initiativen stärken, ermöglichen, fördern. Das Volk beider Länder sind eine starke Macht: Stellt euch vor, es ist Krieg, und beide Völker verweigern sich!

Die Organisation www.peaceinukraine.org hat eine Plattform geschaffen, in der praxisnah und realistische Initiativen überlegt und angeregt werden.

Ich sehe es als Aufgabe von uns ChristusnachfolgerInnen und von allen Menschen guten Willens nach ihnen zu suchen und sie ins Gespräch zu bringen. Die Geschichte und die Friedensforschung kann uns dabei helfen.

Mutige Beispiele aus der Ukraine gibt es hier
55 Beispiele für Gewaltfreiheit siehe hier.

Lasst uns beten für mutige VermittlerInnen für eine Bewegung des Friedens.

Wilhelm Unger, 16. April 2022

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Die Macht gewaltlosen Widerstands, von Benjamin Isaak-Krauss

Ziviler Widerstand, der auf Gewaltanwendung verzichtet, ist nicht weniger „realistisch“ als der bewaffnete Kampf und Aufrüstung. Im Gegenteil: Er hat viel häufiger Erfolg.
Von Benjamin Isaak-Krauß, 10. März 2022

…Diese Wirklichkeit des massenhaften und gewaltfreien Widerstands in der Ukraine und Russland wird in den Diskussionen über eine „Zeitenwende der Friedensethik“ ausgeblendet oder bestenfalls als sekundär zur militärischen Verteidigung der Ukraine und den Sanktionen der russischen Wirtschaft gesehen…

…Diese selektive Wahrnehmung und das Gefühl der Ohnmacht angesichts des Angriffskrieges, führen zum fatalen Ruf nach Aufrüstung. Dabei werden strategische Interventionsmöglichkeiten zur Schwächung von Putins Macht verspielt. Im Eifer für mehr „Realismus“ werden die Ergebnisse empirischer Forschung ignoriert, die gezeigt hat, dass gewaltfreie Bewegungen in den letzten hundert Jahren etwa doppelt so erfolgreich waren als solche, die auf einen bewaffneten Kampf setzten.

Im Folgenden möchte ich die spontanen Formen gewaltfreien Widerstands kurz in den Kontext der Forschung zu zivilem Widerstand und sozialer Verteidigung einordnen, in der Hoffnung, die Debatte über eine wirklichkeitsgemäße und evangelische Friedensethik zu versachlichen. Schließen möchte ich mit einer Reihe Fragen schließen, die eine realistische Friedensethik sich stellen müsste.

Der ganze Beitrag ist hier zu finden:
https://eulemagazin.de/die-macht-gewaltlosen-widerstands/

Benjamin Isaak-Krauss verwendet u.a. folgende Quellen:
https://sz-magazin.sueddeutsche.de/die-loesung-fuer-alles/gene-sharp-protest-ziviler-ungehorsam-88891
https://www.chbeck.de/sharp-diktatur-demokratie/product/23313
https://www.ericachenoweth.com/research/wcrw
https://www.sicherheitneudenken.de/zivile-sicherheit-ist-wirksam/chenoweth-studie/
https://cup.columbia.edu/book/why-civil-resistance-works/9780231156820
https://www.sicherheitneudenken.de/zivile-sicherheit-ist-wirksam/chenoweth-studie/
https://wagingnonviolence.org/

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Optionen des Pazifismus in kriegerischen Zeiten. Auszüge aus einem Interview mit Olaf Müller

Am 22. März gab der Wissenschaftsphilosoph Olaf Müller dem Schweizer Rundfunk ein Interview zur Notwendigkeit, auch während eines Krieges Pazifist zu bleiben und zu seinen Einschätzungen der Lage.

Pazifismus ist keine Schönwetter-Veranstaltung. Wenn er etwas taugt, muss er sich in jeder noch so dramatischen Situation neu bewähren. Man sollte ihn nicht mit geschlossenen Augen und verschlossenem Herzen hochhalten; den brutal überfallenen ukrainischen Männern, Frauen und Kindern sind wir mehr schuldig als die wohlfeile, gesinnungsethische Verteidigung unserer friedliebenden reinen Weste. Den Kriegsopfern gilt nicht nur unser Mitgefühl, die gesamte Ukraine verdient unsere Solidarität…

Wer wäre ich denn, den Ukrainern das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen; das steht mir nicht zu. Ich spreche kein moralisches Verbot aus, wenn ich sage, dass es besser wäre – dass die Ukrainer also gut beraten wären –, zu anderen Mitteln des Widerstands zu greifen…

Um es deutlich zu sagen: Ein Heldentod im Abwehrkampf gegen eine brutale Übermacht ist moralisch zulässig. Das ist aber keine gute moralische Option – vor allem dann nicht, wenn auf diese Weise das Töten und Sterben immer weitergeht…Diese Toten hat Putin auf dem Gewissen; nichtsdestoweniger werden sie von der ukrainischen Verteidigung mit ihrem bedingungslosen Durchhaltewillen sehenden Auges inkaufgenommen.

Ich sehe keine reellen Chancen für die Ukraine, diesen Krieg ohne einen Blutzoll zu gewinnen, der jedem die Sprache verschlagen wird. Der Pazifismus, um dessen Formulierung ich ringe, interessiert sich nicht für theoretische Sandkastenspiele. Am Reißbrett mag man sich Verteidigungskriege ausdenken, in deren Verlauf keine Stadt in Schutt und Asche gelegt wird, ja Verteidigungskriege fast ohne Tote. Dort wäre der Pazifismus irrelevant. Die Wirklichkeit sieht schlimmer aus als das; und nur auf diese Wirklichkeit kommt es an. Mit einer schnellen, erfolgreichen Abwehr durch Zurückschlagen der russischen Truppen ist kaum zu rechnen. Es steht auf einem anderen Blatt, dass sich eine russische Eroberung der großen ukrainischen Städte als Pyrrhussieg herausstellen dürfte. Es könnte sich ein jahrelanger Partisanenkrieg anschließen, den Russland am Ende verlieren wird – so wie nach dem russischen Einmarsch in Afghanistan. Auch das sind verheerende Aussichten.

Wenn Pazifisten angesichts eines Ausbruchs massiver tödlicher Gewalt ein wenig höhnisch gefragt werden, wie es denn nun um ihre reine Lehre bestellt sei, so ist das nicht ganz fair. Warum werden wir immer nur dann gefragt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist? Soll heißen: Ziviler Widerstand will genauso geplant, eingeübt, trainiert und implementiert sein wie militärischer Widerstand. Sowas improvisiert man nicht, und es ist bislang viel zu selten ausprobiert worden… Um ein Beispiel zu geben: Welcher Durchschnittsmensch, welcher Durchschnittsrusse würde als Panzerfahrer eine Gruppe sitzender friedlicher Widerständler überrollen? Vor allem dann, wenn die Aktion gefilmt wird und live im Netz landet? – Wer dagegen beschossen wird, schießt zurück, brutalisiert sich, wird zum Mörder…

Jeder Mensch hat die Fähigkeit zur Empathie, fast jeder Mensch wünscht sich, gut zu sein. Diese uns allen gemeinsame Menschlichkeit kann man sehr leicht zerschießen, auch im noch so berechtigten Verteidigungskrieg. Davon rät der Pazifist ab…

Aber es gibt allen Anlass zum Pessimismus: Die mutige, gewitzte, gut geplante Verteidigung der Ukrainer macht den russischen Angreifern das Leben zur Hölle; sie nimmt Tausende von Toten in den verteidigten Städten inkauf und droht zu einer Eskalation zu führen, die jeden Beobachter erschüttern dürfte…

Selenskyj will die NATO in diesen Krieg hineinziehen, und er ist sehr geschickt darin, unser schlechtes Gewissen als schockierte Zuschauer für seine Ziele einzuspannen… Fast kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir im Westen derzeit folgendes Vabanquespiel wagen: Wir geben den Ukrainern genug Defensivwaffen, damit sie weiter durchhalten können, und schauen, wie Putin reagiert. Wir tasten uns offenbar an seine Schmerzgrenze heran…

Das ganze Interview gibt es hier

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„Für uns zählt auch die Feindesliebe“Die Mennoniten, der Ukraine-Krieg und die Friedensethik.
Interview mit Fernando Ens in chrismon

Die Mennoniten sind seit fast 500 Jahren eine Friedenskirche und lehnen Gewalt ab. Ist es falsch, dass sich die Menschen in der Ukraine gegen den Angriff Russlands verteidigen?

Fernando Enns: Den verbrecherischen Angriffskrieg der russischen Regierung verurteile ich aufs Schärfste. Allerdings kenne ich keinen Militärexperten, der tatsächlich davon ausgeht, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnen kann. Russland dagegen kann den Krieg gewinnen, würde aber eine Besatzung des Landes auf Dauer nicht durchhalten. In der Ukraine leben über 40 Millionen Menschen. Eine Gewaltherrschaft, die keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung hat, mag eine Zeit lang funktionieren, aber auf Dauer können Sie 40 Millionen Menschen nicht unterdrücken.

Haben Sie Kontakt zu Mennoniten in der Ukraine?

Ja, natürlich. Persönlich halte ich Kontakt zu zwei Wissenschaftlerinnen, mit denen wir in den vergangenen Jahren ein gemeinsames Projekt verwirklichen konnten. Sie sind keine Mennonitinnen, forschen aber zu der reichen Vergangenheit von Mennoniten in der Ukraine. Darüber hinaus gibt es regelmäßig Kontakte zu der jetzigen kleinen mennonitischen Gemeinschaft. Wir treffen uns regelmäßig zum gemeinsamen Online-Friedensgebet und hören, wie sie aktiv und gewaltfrei den Menschen in Not, weit über die eigene Gemeinschaft hinaus, helfen.

Wie stehen Sie zu Waffenlieferungen an die Ukraine?

Solange die NATO ein direktes Eingreifen ausschließt, verlängern Waffenlieferungen lediglich den Krieg. Mit Schrecken beobachte ich, wie unsere politische Führung in die Logik des Kalten Krieges zurückfällt. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, das Gleichgewicht des Schreckens habe einen heißen Krieg verhindert. Die Großmächte haben ihre gigantischen Waffenarsenale für Stellvertreterkriege genutzt, in Vietnam und Korea und vielen afrikanischen Staaten. In Brasilien, wo ich geboren wurde, und anderen südamerikanischen Ländern setzten die USA aus Angst vor kommunistischen Regierungen brutale Militärregimes ein, die folterten, unterdrückten und untereinander Kriege führten. In diese Zeit dürfen wir nicht zurückfallen! Wenn ein deutscher Bundeskanzler nun Waffenlieferungen und 100 Milliarden Euro für Aufrüstung verkündet und dies breite Unterstützung findet, erschüttert mich das zutiefst.

Ohne Waffenlieferungen wäre eine diplomatische Lösung wohl noch schwieriger. Die Ukraine wäre gar nicht mehr in der Lage, mit Russland zu verhandeln.

Wenn wir Druck auf die russische Regierung ausüben und sie so zu einer Verhandlungslösung drängen wollen, sollten wir jetzt tatsächlich die Energie-Importe aus Russland einstellen, auch wenn das unsere eigene Wirtschaftsleistung beeinträchtigt. Langfristig müssen wir Sicherheit in Europa endlich mit Russland und nicht gegeneinander denken. Für uns Mennoniten ist nicht nur die Nächstenliebe wichtig, sondern auch die Feindesliebe. Politisch bedeutet das, auch die Interessen und Bedürfnisse der Gegenseite wahr- und ernst zu nehmen. Nur wenn das gelingt, sind Abrüstung und Rüstungskontrolle möglich. Zu glauben, Gorbatschow habe vor 30 Jahren wegen der militärischen Abschreckung den Abrüstungsverträgen und der Wiedervereinigung Deutschlands zugestimmt, ist naiv. Dass Präsident Bush senior die USA nach den schmerzhaften Zugeständnissen Gorbatschows als „Sieger“ des Kalten Krieges bezeichnete, war schlicht dumm. Wir müssen von einer Politik der gegenseitigen Provokation und Demütigung zurück zu einer Politik der Verständigung und des Interessenausgleichs finden. Kurzfristig muss es jetzt darum gehen, den Opfern des Krieges humanitär zu helfen.

Wie helfen Mennoniten den Kriegsopfern?

Das deutsche Mennonitische Hilfswerk ist in der Flüchtlingshilfe und der Lieferung von Hilfsgütern in die Ukraine tätig. Hierbei ist die Kooperation mit Partnern wie dem internationalen mennonitischen Hilfsbündnis Mennonite Central Committee, MCC, sehr wichtig. Darüber hinaus gibt es viel privat initiierte Hilfe, vor allem aus den russlanddeutschen Gemeinschaften in Deutschland. Hier bestehen reichlich verwandtschaftliche und freundschaftliche Verhältnisse. Bei einem Besuch an der von Mennoniten gegründeten LCC International University in Klaipeda, Litauen, hat mich bewegt zu sehen, wie viele Studierende aus der Ukraine, aber auch aus Russland und Belarus dort gemeinsam lernen. Diese jungen Menschen verurteilten den Krieg und sind vereint im Beten für eine gemeinsame Zukunft in Frieden, auch für ihre Familien daheim.

Auch Ihre Familie hat Krieg und Vertreibung erlebt.

Meine Großeltern und ihre ersten vier Kinder wurden in der Gegend von Saporischschja und Dnipropetrowsk geboren, also in der heutigen Ukraine. In den 1920er Jahren brachte die unbändige Gewalt des russischen Bürgerkrieges zwischen Unterstützern und Gegnern der kommunistischen Revolution das mennonitische Ethos der Gewaltlosigkeit ins Wanken. Einige Mennoniten, darunter auch mein Großvater, schlossen sich zu bewaffneten Selbstschutzeinheiten zusammen. Schon bei der ersten Auseinandersetzung wurden die ungeübten und unbeholfenen Selbstschützer seiner Einheit entwaffnet und bekamen zu hören: „Wir lassen euch laufen. Wer schnell genug läuft, entkommt unseren Kugeln. Wer nicht schnell genug läuft, wird erschossen.“ Offenbar war mein Großvater ein guter Läufer. Er zog daraus die Lehre, dass Waffengewalt niemals ein Problem lösen kann – und hat sein ganzes langes Leben lang nie wieder eine Waffe in die Hand genommen.
Letztlich soll der Staat mit Waffengewalt schützen

Die Mennoniten haben in ihrer Geschichte oft staatliche Verfolgung erlebt. Welches Verhältnis haben sie heute zum Staat?

Für die verfolgten Mennoniten vor fast 500 Jahren gab es einen klaren Gegensatz zwischen dem Staat und der Kirche. Der Staat setzt Ordnung mit Zwang und Gewalt durch. Die Kirche hat den Auftrag, die „Perfektion Christi“ darzustellen. Hatten die Mennoniten zunächst den reformatorischen Anspruch, die Kirche zu verändern, so ging es ihnen sehr bald darum, selbst der Verfolgung durch den Staat und die Staatskirchen zu entgehen und zurückgezogen ihren Glauben zu leben. Als ihnen in Preußen die Befreiung vom Wehrdienst ermöglicht wurde, wanderten viele dorthin aus. Als in Preußen der Wehrdienst an den Landerwerb gekoppelt wurde, zog es viele weiter ins russische Kaiserreich, das ihnen Sicherheit und Glaubensfreiheit garantierte. Man kann natürlich fragen: Wie glaubwürdig ist unsere Gewaltlosigkeit, wenn wir uns darauf verlassen, dass der Staat mit Waffengewalt schützend eingreift? Gerade in der aufkommenden Sowjetunion wurde der Staat wieder zum Gegner. Stalin ließ Mennoniten aus der Schwarzmeerregion enteignen, deportieren und ermorden. In demokratischen Staaten ist es heute ein wichtiges Anliegen mennonitischer Friedenskirchen, aktiv und verantwortungsbewusst zu gewaltfreien Konfliktlösungen beizutragen.

Sie wurden nicht in der Ukraine, sondern in Brasilien geboren. Wie kam es dazu?

Mit dem Bürgerkrieg begannen im Gebiet der heutigen Ukraine massive Hungersnöte. Mennoniten in Nordamerika, von denen viele ab den 1870er Jahren bereits aus dem Russischen Reich eingewandert waren, riefen das MCC ins Leben und organisierten für ihre notleidenden Glaubensgeschwister Möglichkeiten zur Auswanderung. Da die USA und Kanada ihre Migrationsgesetze zunehmend verschärften, kauften die Mennoniten in Südamerika Land und siedelten die neuen Flüchtlinge dort an. So gelang meinen Großeltern die Flucht nach Paraguay. Später migrierte meine Familie nach Brasilien, wo ich geboren wurde. Dass in genau den Städten der Ukraine, in denen meine Vorfahren so gelitten haben, heute wieder Menschen Opfer von Krieg und Vertreibung werden, ist bestürzend. Ich frage mich: Haben wir nichts aus der Geschichte gelernt?

Quelle: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2022/52526/die-mennoniten-der-ukraine-krieg-und-die-friedensethik

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Erklärung der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland vom 12. März 2022

 

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Auf Drängen mennonitischer Führer in Europa habe ich heute den folgenden Brief an Seine Heiligkeit Patriarch Kirill von Moskau und Rus geschrieben.

  1. Februar 2022

Ein offener Brief an Seine Heiligkeit Patriarch Kirill von Moskau und All Rus.

Geehrter Patriarch Kirill,
Grüße im Namen Jesu von der Mennonitischen Weltkonferenz (einer globalen Gemeinschaft, die täuferische Gläubige und Mennoniten in achtundfünfzig Nationen vertritt). Wir beklagen die derzeitige Gewalt zwischen den Menschen in Russland und in der Ukraine. Es muss das Herz Gottes betrüben, wenn der Leib Christi entzweit wird, besonders wenn dies durch Krieg geschieht.

Da Russland Waffen auf die Ukraine loslässt, rufen wir Sie als christliche Führungspersönlichkeit in Russland auf, mutig für das Evangelium des Friedens zu sprechen und zu handeln. Unabhängig von den Gründen, die für den Angriff auf die Ukraine angeführt werden, ist dies eine unmoralische Handlung, die Christen überall verurteilen müssen.
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagte Jesus. „Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, würden meine Jünger kämpfen…“ (Johannes 18:36). Als Petrus ein Schwert zückte, sagte Jesus, er solle es wegstecken.
Sie befinden sich in einer schwierigen Situation, Patriarch Kirill. Die Mennoniten beten für Sie und für alle Christen in Russland und der Ukraine. Die Kirche ist vielleicht nicht in der Lage, diesen Bruderkrieg zu beenden, aber wir müssen protestieren, wenn eine Nation eine andere bedroht oder angreift.

„Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen“, erklärte der Apostel Petrus, als er vor Gericht stand. Heute befinden sich die Christen auf beiden Seiten dieser Konfrontation in einer Stunde der Prüfung. Werden wir dem Reich Gottes die Treue halten, anstatt uns den Idolen von Nation, Imperium und Krieg zu beugen? Gott gebe Ihnen den Mut, ein Friedensstifter zu sein, wie Jesus es gelehrt und vorgelebt hat.

Maranatha!
Komm, Herr Jesus.
In brüderlicher Verbundenheit, in Christus,
J. Nelson Kraybill, MWK-Präsident

(Übersetzung: Benji Wiebe, Original auf https://mwc-cmm.org/stories/open-letter-his-holiness-patriarch-kirill-moscow-and-all-rus )

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3. März 2022
„Könnten wir doch hören…“
– Eine Stimme aus den Friedenskirchen
Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und
seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. Psalm 85:9
Wir sind Zeug*innen eines Krieges in Europa! Und wir verurteilen das Bombardieren von
Städten und das Töten von Menschen. Niemand hat das Recht dazu. Das Leben – jedes
Menschen – ist heilig. Es gibt keine Rechtfertigung dafür.
Was können wir jetzt tun?
Wir beten für den Frieden – gemeinsam mit Geschwistern in der weltweiten Ökumene, über
alle nationalen Grenzen hinaus! Wir beten für die an Leib und Leben Bedrohten, dass sie
Schutz und Trost finden mögen. Wir beten für die Machthabenden, dass sie von der „Torheit“
des Krieg-führens und dem Drohen mit noch mehr Vernichtung ablassen. Wir beten für alle
Soldaten und Kämpfenden, dass sie sich dem Töten und dem Vernichten verweigern. Und wir
beten für uns selbst, dass wir Orientierung finden in unserem Bekenntnis zu Jesus Christus,
der unser Friede ist.
Wir können geflüchtete Menschen aufnehmen. Wir können Geld spenden und können selbst
Hilfe organisieren. Wir bleiben in Kontakt mit jenen Menschen, die wir in der Ukraine, in
Russland und Belarus persönlich kennen. Wir können Anwälte und Anwältinnen des Friedens
sein bei unseren jeweiligen Regierungen. Wir können uns an öffentlichen Protesten gegen den
Krieg beteiligen und unterstützen die Proteste in anderen Ländern. Wir wissen uns verbunden
mit vielen, auch in der Ukraine, in Belarus und in Russland.

Ist die gewaltfreie Position angesichts der Aggression obsolet geworden?
Nein im Gegenteil! Waffen schützen nicht vor Tod und Zerstörung. Ein abermaliges
Einsteigen in die Abschreckungsszenarien des Kalten Krieges wird nicht mehr Sicherheit
produzieren, sondern eine Eskalation vorantreiben. Sicherheit kann es nicht auf Kosten der
anderen geben, sondern nur gemeinsam. Waffenlieferungen beenden keinen Krieg, sondern
heizen ihn an und ermöglichen erst Kriegsführung und Menschenrechtsverletzungen. Sie
gebieten weder den Gewalttreibern Einhalt noch können sie die Bedrohten schützen.
Auch wir können die Menschen im Krieg jetzt nicht vor Tod und Zerstörung schützen. Auch wir
haben Angst. Aber unser Glaube an die Kraft der Liebe ist stärker. Unser Vertrauen in die
Macht der Gewaltfreiheit wie sie Jesus selbst gelebt hat ist ungebrochen. Unsere Hoffnung
ist nicht zerstört, sie leitet auch jetzt unser Handeln.
Wir werden einer neuerlichen Aufrüstung in unserem eigenen Land nicht zustimmen, da dies
unserem Bekenntnis zu Jesus Christus widerspricht. Wir wollen auf dem Weg des Friedens
bleiben, der den Irrtum, dass Waffen unsere Sicherheit gewähren könnten, entlarvt. Wir
wollen den Weg des gewaltfreien Widerstands und der Konflikttransformation gehen in der
Nachfolge Jesu. Weil wir uns dieser Wahrheit anvertrauen!
Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass
Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen. (Psalm 85:1011)
Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (der Vorstand),
in Zusammenarbeit mit dem
Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee und dem
Mennonitisches Friedenszentrum Berlin

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Es ginge auch anders:
Nutzen wir die Expertise der Friedensforschung!
Professor Egon Spiegel, Universität Vechta, Katholisch.de 12.03.2022

Der katholische Theologe Egon Spiegel erinnert an die Erkenntnisse der Friedensforschung und plädiert für eine entschiedene Wende zur gewaltlosen Verteidigung und geteilter Sicherheit.

Auch wenn der Angriff auf die Ukraine absehbar war, so hat er doch die Welt erschüttert. Viele hatten bis zuletzt geglaubt, dass Putin so zivilisiert sei, seine eigenen Interessen nicht um den Preis eines Krieges durchsetzen zu wollen. Es ist ein Krieg Putins und nicht Russlands. Er hat aus seinen hegemonialen Absichten in Verbindung mit Großreichfantasien schon lange keinen Hehl gemacht und die Ukraine, nach der Einnahme der Krim, gezielt militärisch umstellt. Die in diesem Zusammenhang von ihm vorgetragenen Befürchtungen hinsichtlich einer Osterweiterung der NATO dienen in erster Linie der Legitimierung, ohne dass ihnen eine gewisse Realität abgesprochen werden kann. Hier ist an die Kubakrise 1962 zu erinnern und die nachvollziehbare Furcht der Amerikaner vor der sowjetischen Armee als unmittelbarer Nachbarin.

Eklatant ist bei Putin die allen Despoten typische Hybris, die Geschicke des Landes im Alleingang lenken zu können und auf einer Mission menschheitsgeschichtlichen Ausmaßes zu sein. Er will als ganz Großer in die Geschichte eingehen und dafür bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Schon beginnen sich Vertraute zu distanzieren, im Volk macht sich Skepsis und Protest breit.

Krieg ist von gestern – eigentlich.

Der Militärangriff auf die Ukraine und alle damit zusammenhängenden Abläufe zeigen, dass die Zeit, Kriege zu führen, vorbei ist. Es ist bezeichnend, dass es seit Jahrzehnten

keine zwischenstaatlichen kriegerischen Auseinandersetzungen auf europäischem Boden mehr gegeben hat. Alle am Balkankrieg beteiligten Parteien waren streng darauf bedacht, dass er kein überregionaler wird.

Krieg, das wissen wir schon lange, geht nicht mehr. Krieg ist von gestern. Die Langzeitfolgen von Gewaltanwendung und -erleben werden Soldaten und Zivilisten ihr Leben lang mit sich tragen. Viele Soldaten, die aus den letzten Kriegen zurückgekehrt sind, sind traumatisiert und sehen den einzigen Ausweg im Suizid. In England haben sich nach ihrem Einsatz im Falklandkrieg mehr Soldaten das Leben genommen als darin „gefallen“ sind. Dasselbe gilt für die US-amerikanischen Vietnamveteranen.

War is over. Nicht nur aus ethischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Fragilität unserer Infrastruktur erlaubt uns nicht mehr, Kriege zu führen. Die Nationen sind derart miteinander verflochten, dass sich jeder regionale „Brand“ fast zwangsläufig zu einem Flächenbrand entwickeln muss.

Und innerstaatlich? Allein ein großflächiger Ausfall von Elektrizität – auch als Resultat einer Cyberattacke – würde die Gesellschaft in ein heilloses Chaos stürzen. Und für einen Gegenschlag würde das eindeutig auszumachende Zielobjekt fehlen.

Die Zeit ist reif, Krieg als ein untaugliches Mittel der Konfliktlösung global zu ächten, wie es der Menschheit mit etwa der Sklaverei gelungen ist. Derzeit bekommen wir auf dem europäischen Territorium des 1. und 2. Weltkrieges ein hoffentlich letztes Mal überzeugend demonstriert, wie „aus der Welt“, ja irrsinnig der Versuch ist, Konflikte militärisch lösen zu wollen.

Dabei scheinen die Grünen – ursprünglich mit einem klaren Bekenntnis zu gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien angetreten, mittlerweile an der Macht – die bahnbrechenden Studien der Konflikt- und Friedensforschung, aus den Augen verloren zu haben. Aber nicht nur in der Politik, sondern auch in den Talkshows und Sondersendungen zum russischen Angriff auf die Ukraine ist die Expertise der Friedensforschung so gut wie nicht gefragt. Dabei hat die Friedensforschung unzählige historische Beispiele gewaltfreien Widerstandes untersucht und hat so den politischen Entscheidungsträgern die Möglichkeit an die Hand gegeben, ihre Ergebnisse im Hinblick auf aktuelle oder zukünftige Konflikte durchzuspielen. Beim Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen 1968 in Prag gab es nur wenige Tote. Militärischer Widerstand wäre sinnlos gewesen. Die Bevölkerung als Ganze hat widerstanden und wenn sie nur Straßenschilder vertauscht hat, um die feindlichen Fahrzeuge in die Irre zu führen.

Abschreckung durch zivile „Wehrpolitik ohne Waffen“ In der dezentralen, gewaltfreien Verweigerung den Besatzern gegenüber spielen nicht nur wehrtaugliche Bürger eine Rolle, sondern jede:r Einzelne. Hier hat selbst der Rollstuhlfahrer, so er sich nicht in das Räderwerk der Okkupanten einspannen lässt, keine geringere Bedeutung als der wehrtaugliche Reservist.

Wer seine Gesellschaft für gerecht hält, braucht nicht zu ihrer Verteidigung gezwungen zu werden. Er oder sie verweigern sich dem Aggressor, missachten kreativ und konsequent seine Anordnungen. Eine „Wehrpolitik ohne Waffen“ verlangt dem Aggressor keinen hohen (militärischen) „Eintrittspreis“ ab, sondern einen hohen (zivilen) „Aufenthaltspreis“ und dient gerade dadurch der Abschreckung (Theodor Ebert).

Stellen wir uns vor, die Bevölkerung in der Ukraine würde den Besatzern in jeder Hinsicht die Nutzung der Infrastruktur unmöglich machen beziehungsweise erschweren. Sie würde sich im großen Stil administrativen Anordnungen widersetzen, eigene kommunikative Kanäle nutzen, Verkehrsblockaden durchführen, sich in einer gewaltfreien Parallelgesellschaft organisieren, also auf der ganzen Linie zivilen Widerstand leisten. Da-

bei würden die unzähligen zivilen Akteurinnen und Akteure die Besatzer gezielt und unablässig danach befragen, was sie bewegt hat, in das Land einzudringen, und dadurch einen erheblichen moralischen Druck auf den Gegner ausüben.

Ein Video zeigt, wie dies eine ältere Damen einem russischen Soldaten gegenüber exemplarisch tut oder sich ein Mann einem Panzer in die Quere stellt. Die Besatzer müssten in vielen Bereichen Kollaborateure gewinnen beziehungsweise auf Kräfte aus dem eigenen Hinterland zurückgreifen und dort deshalb selbst große Einbußen hinnehmen. In der Friedensforschung sprechen wir von „Fraktionierung“: Der Aggressor, keineswegs ein politischer Monolith, zerbricht in Fraktionen von Menschen, die mitmachen, aber auch solche, die ihr Tun zunehmend in Frage stellen, und solche, die es angesichts des gewaltlosen Widerstandes schließlich für unrechtmäßig halten und entsprechende Konsequenzen ziehen. Die Weltöffentlichkeit würde Zeugin eines eklatanten Unrechts. Der Täter würde sich entlarven, er wäre eindeutig der, der mit Gewalt eingedrungen ist. Die Solidarität mit dem Opfer wäre global und gewiss. Erst recht, wenn der gewaltfreie Widerstand nicht von Gewalt flankiert wäre.

Natürlich hat die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung. Doch die Konzentration auf die militärische Verteidigung lässt das Potential eines höchst aktiven, auf den Schultern aller Betroffenen ruhenden gewaltfreien Widerstands außer Acht. Nur wer die unzähligen Studien zur Doktrin des aktiven, gewaltfreien Widerstandes nicht kennt oder zur Kenntnis nehmen will, dem wird mit Blick auf das Recht zur  Selbstverteidigung nur das eine Reaktionsmuster einfallen: das der Gewalt, hier der militärischen.

Die Bischöfe, die sich jüngst für Waffenlieferung an die Ukraine ausgesprochen haben, sind diesem Kurzschluss unterlegen. Dieses erst recht, wenn sie die ethische Freigabe militärischer (Gegen-)Gewalt sozialethisch begründet sehen. Sachlich kollidiert ihr Legitimationsversuch mit dem unerschöpflichen Spektrum gewaltfreien Widerstandshandeln und damit der klassischen Lehre vom gerechten Krieg, die

nämlich dieses voraussetzt: dass zunächst alle nichtkriegerischen Mittel ausgeschöpft worden sind, bevor militärische Gewalt zum Einsatz kommt. Bischöfe, die die Doktrin der gewaltfreien Aktion und ihre Möglichkeiten vor allem im Hinblick auf Selbstverteidigung nicht kennen gelernt haben oder als Möglichkeit aufgezeigt bekommen, sind in katastrophaler Weise in ihrem Willensbildungsprozess alleine gelassen.

In diesem Sinne hätte die Ukraine ein vorzügliches und mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreiches Beispiel eines sogenannten gewaltfreien, sozialen, zivilen Widerstandes werden können. Ihrem auffallend besonnenen Präsidenten wäre zuzutrauen, dass er diese Strategie hätte befördern können. Die Chance wurde vertan. Oder wird partiell in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren am Rand eines entschiedenen gewaltsamen Widerstandes genutzt – dies vor allem im Umgang mit zu erwartenden Kollaborateuren und Marionetten des Besatzers.

Es war nicht an der Zeit und ist nicht an der Zeit, die Ukraine mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Was die Ukraine benötigt, ist ein Beraterstab in Fragen der gewaltfreien Aktion. Die Friedensbewegung hält ihn bereit, er muss nur abgerufen werden. Die Regierungen nehmen davon keine Notiz. Im Falle der Grünen verwundert dies ganz besonders.

Expansion Putins gegen NATO-Mitgliedsstaaten nicht auszuschließen.

In der Fluchtlinie der Politik Putins liegt die Provokation der NATO durch Ansprüche auf weitere Territorien seiner privaten Russlandkarte. Nicht auf das Baltikum auszugreifen, würde merkwürdig aus seinem Denk- und Handlungsmuster herausfallen. Bei einem Angriff auf die baltischen Staaten müsste Putin nicht einmal einen militärischen Gegenschlag seitens der NATO befürchten. Selbst wenn die derzeit unisono geforderte massive Aufrüstung käme, kein NATO-Land

wird, sollte Putin sein Militär auch nur einen Meter in das Land eines Bündnispartners einzudringen befehlen, bereit sein, durch einen militärischen Gegenschlag den Krieg ins eigene Land zu holen. Das weiß Putin. Des-

halb ist zu befürchten, dass er auch diesen letzten Schritt im Horizont seiner Russland-Mission gegen NATO-Mitgliedsstaaten nicht ausschließen wird. Wir können nur hoffen, dass er sich dabei nicht verschätzt und die

NATO nicht in die Falle tritt, die er ihr legen könnte. Die Spirale der Gewalt wäre unvorstellbar.

Das Anlegen von Dosen-, Wasser-, und Kerzenvorräten, unterstreichen nur die Kapitulation vor dem Krieg. Was Not tut sind rationale Bemühungen um Konfliktlösung auf der Basis einer jahrzehntelangen systemtranszendenten Friedensforschung (im Gegensatz zur systemimmanenten, d.h. dem Denken in militärischen Konfliktlösungsmustern verhafteten).

In seltener Geschlossenheit zeigt sich der Westen bereit, Flüchtlinge in großer Zahl aufzunehmen, und ergreift wirtschaftliche Sanktionen. Diese sind dem Spektrum gewaltfreier Aktionen zuzurechnen. Wie etwa Streik und Boykott sind sie Formen der Nicht-Kooperation und Ausdruck der moralischen Verpflichtung, dem Feind ein Potential zu entziehen, das dieser für sein unrechtes Handeln bislang genutzt hat beziehungsweise nutzt. Sie sind ein Gebot der Stunde, wenngleich abgewogen werden muss, dass damit nicht die Falschen getroffen werden und sie am Ende auch nur ein Instrument der Gewalt sind.

Dass die Regierungen im Falle der Ukraine jetzt massiv auf sie zurückgreifen, unterstreicht einmal mehr die Tatsache, dass militärische Interventionen von denselben als untauglich eingeschätzt werden. Nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich allerdings auch wirtschaftliche Sanktionen – vor dem Hintergrund der globalen wirtschaftlichen Vernetzungen – als kontraproduktiv erweisen. Die Zurückhaltung der Entscheidungsträger, ihr Abwägen und Zögern unterstreichen dies.

Die bestehenden Konflikte können heute nur noch auf der Dialogebene und damit auf gleicher Augenhöhe ausgehandelt werden. Allerdings hat Putin sich als nicht mehr vertrauenswürdig erwiesen. Hier allerdings

zeichnet sich mittelfristig, wenn nicht sogar kurzfristig ab, dass der Dialog nach einem heilsamen Lernprozess innerhalb der russischen Gesellschaft Partner bereithält, die den Ansprüchen an einen ernstzunehmenden Dialogpartner entsprechen und damit der Weg frei wird für überraschungsoffene Konfliktlösungsprozesse. Die russische Bevölkerung wird dem Krieg in der Ukraine einen innergesellschaftlichen zivilen Befreiungsschlag verdanken.

„Zeitenwende“ sollte von der Gewalt zur Gewaltfreiheit führen

Säbelrasseln im Westen ist wie das im Osten „von gestern“. Militärische Aktionen sind – einem neuen Realismus geschuldet – endgültig „out“. Aufrüstungsforderungen laufen militärpolitisch, nicht nur vor dem Hintergrund aktueller Erfahrungen, ins Leere. Deshalb, und nicht, weil es Putin vorgibt, muss jetzt die NATO hinsichtlich ihrer Existenzberechtigung diskutiert werden.

Betonköpfe werden sich im Horizont der aktuellen Ereignisse für Aufrüstung und die Forcierung einer politischen und militärischen Blockbildung stark machen und sich, der alten Spirale von Gewalt und Gegengewalt verhaftet, einer Zukunft in Frieden verweigern. Dagegen werden besonnenen Kräften deutlich zu machen haben, dass sich internationale Verwerfungen heute nur noch im Rahmen einer gemeinsamen Sicherheitspolitik im Rahmen der Vereinten Nationen lösen lassen.

Wenn wir in diesen Tagen wirklich eine „Zeitenwende“ erleben, dann sollte diese genutzt werden zu einer Wende von der Gewalt zur Gewaltfreiheit und nicht dadurch vertan werden, dass wir – einmal mehr – politischen und militärischen Pfaden folgen, die immer wieder nur in der Sackgasse der Gewalt enden werden.

Egon Spiegel, Prof. für Religionspädagogik & Friedensbildung, Universität Fechta. Autor: „Politik ohne Gewalt. Praxis, Prinzipien und Perspektiven der Gewaltfreiheit“ (mit Michael Nagler Berlin, 2008).

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