Gedanken zum Beginn der zweiten Corona-Welle

Suchet den Frieden der Stadt und betet für sie zum HERRN; denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben. Jeremia 29,7

Jeremia schrieb diese Worte an die nach Babylon verschleppten Juden. Er wollte sie trösten in dieser neuen Situation, wo alles unvertraut war. Und er warnte sie davor, Fake-Propheten Glauben zu schenken, die behaupteten das Exil sei schon fast vorbei. Bald werde alles wieder normal. So wie früher.

Geht es uns nicht ähnlich? Wir erleben Gott sei Dank keine Vertreibung, aber die Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie führten zu einer Art „Exil daheim.“ Uns fehlte das Gemeindehaus, unser kleiner vertrauter Tempel. Zoom bot Möglichkeiten, doch fragten auch wir uns oft „Wie können wir unserem Gott Lieder singen in diesem fremden (digitalen) Land?“ (Psalm 137) In unserer Verstreuung erlebten auch wir was die Juden vor tausenden Jahren erlebten: Gottes Gegenwart ist nicht gebunden an den Tempel, sein Geist durchweht das All (inkl. Internet) und ist jedem einzelnen nah. Und doch fehlt uns der Tempel.

Corona ist noch nicht vorbei, so gerne wir das auch glauben mögen. Und ich zumindest fühle mich zur Zeit unsicherer als im April. Es gilt abzuwägen. Was wollen wir wagen? Was verantworten? Wie geht das zusammen: Gemeinschaft & Vorbeugung?

Hier geben mir Jeremias Worte eine neue Perspektive: Er ermutigt die Verstreuten, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Das ist kein Fatalismus, sondern ein aktives Vertrauen auf Gott. Statt sich in Illusionen zu flüchten fordert Jeremia auf, aktiv zu werden, sich einzumischen, „den Frieden der Stadt zu suchen.“

In ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben.“ Friede-Schalom–gute Beziehungen mit Mitmenschen, Mitwelt und Gott, gibt es nicht nur für mich oder unsere kleine Gemeinde. Schalom ist nicht privat, sondern sozial, ja politisch. Gleichzeitig bleibt Schalom immer persönlich und wächst vom kleinen ins großen. Auch das zeigt die Pandemie: „Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben besteh‘n.“ – so sang ich oft als kleines Kind. Jetzt merke ich das es stimmt, im Guten wie im Schlechten.

Ein neuer, für viele immer noch gewöhnungsbedürftige Beitrag zum Frieden der Stadt ist, sich weiterhin an die AHA-Regeln zu halten: Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmaske tragen. Beten für die Stadt ist ohne Probleme weiterhin möglich-alleine oder zusammen mit anderen, etwa freitags morgens auf Zoom. Gleichzeitig gilt es, neue Wege zu finden, auf Menschen zuzugehen und Zeugnis abzulegen von der Hoffnung, die in uns lebt.

Während ich diese Andacht schrieb, wurden die Vorsichtsmaßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 in Regensburg angesichts steigender Infektionszahlen erneut verschärft. Wir hoffen, dass sich die Lage wieder entspannt. Und wir können durch unser Tun und Lassen dazu beitragen, den Frieden der Stadt zu fördern.

Schalom und auf Wiedersehen leibhaftig oder virtuell!

 

Benjamin Isaak-Krauß, Gemeindepraktikant